Forschung Schmerz & psychosoziale Faktoren 20. April 2026
Shepherd et al. (2026)

Schlafstörungen bei muskuloskelettären Schmerzen – Teil 2: Umgang mit Schlafstörungen in der muskuloskelettären Versorgung

Management von Schlafstörungen in der muskuloskelettalen Versorgung

Einführung

Nach unserem Research Review Teil 1 schauen wir uns die Behandlung von Schlafstörungen im muskulären/orthopädischen Kontext etwas genauer an. Die Arbeit von Shepherd et al. (2026) lohnt sich für eine zweite, eigenständige Betrachtung, denn der klinisch wichtigste Beitrag besteht nicht nur darin, dass Schlaf eine Rolle spielt, sondern darin, aufzuzeigen, was Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten bei Schlafstörungen in der muskuloskelettalen Versorgung realistisch bewirken können. Schlechter Schlaf wird zwar häufig anerkannt, aber nicht systematisch behandelt – obwohl Schlafstörungen eng mit erhöhter Schmerzempfindlichkeit, emotionaler Dysregulation, beeinträchtigter Regeneration und anhaltender Beeinträchtigung/Behinderung zusammenhängen. Die Autorinnen und Autoren vertreten die Ansicht, dass Schlaf nicht nur als Symptom von Schmerzen betrachtet werden sollte, sondern auch als paralleler Mitwirkender an der Persistenz der Schmerzen und an einer reduzierten Funktion. Das ist ein guter Grund, Schlafstörungen genauer unter die Lupe zu nehmen – insbesondere dann, wenn sie als prädisponierende Faktoren für den Beginn und das Fortbestehen von Schmerzproblemen gelten.

 

Methoden

Die Studie, die wir hier heute besprechen, ist eine klinische Kommentierung. Vor diesem Hintergrund solltest du dir bewusst sein, dass sie keine experimentellen Studien widerspiegelt – wie die, die wir sonst für unsere Reviews verwenden. 

Daher gibt es keine statistische Analyse, es wurden keine Teilnehmenden eingeschlossen und keine Intervention durchgeführt. Stattdessen haben die Autor:innen einen pragmatischen Ansatz genutzt, um uns dabei zu unterstützen, Schlafstörungen in der klinischen Praxis zu erkennen und anzugehen. Dafür wurde die bestehende Literatur mit klinischen Leitlinien und früheren Rahmenkonzepten zusammengeführt. Der praktische Fokus liegt darauf, ausgewählte CBT-I-Grundprinzipien (Cognitive Behavioral Therapy for Insomnia) in die physiotherapeutische Behandlung zu integrieren – und dabei im Rahmen des Kompetenzbereichs der Physiotherapeut:innen zu bleiben.

 

Ergebnisse

Die Autorinnen und Autoren beschreiben vier zentrale Säulen für das Management von Schlafstörungen in der muskuloskelettalen Versorgung.  

Pfeiler 1: Reduzierung der Erregung vor dem Schlafen: Runterfahren, um einzuschlafen

Eine Voraussetzung für einen guten Schlaf ist, dass du dieses Müdigkeitsgefühl bekommst, bevor du dich ins Bett legst. Wenn dein Körper oder dein Kopf zu stark aktiviert bleibt – zum Beispiel durch Gedanken, das ständige Grübeln über schmerzbezogene Themen oder anregenden Content (zum Beispiel: TV, Social Media,..), machst du es dir schwerer, einzuschlafen. 

Um dem entgegenzuwirken, schlagen die Autor:innen vor, dass Physiotherapeut:innen Patient:innen dabei unterstützen können, anregende Aktivitäten vor dem Schlafen zu reduzieren – insbesondere Bildschirmnutzung, belastende Medien oder eine arbeitsbezogene Beschäftigung im Bett. 

Wenn negative Gedanken, Angst und Stress im Spiel sind, werden Strategien wie tiefes Atmen, progressive Muskelentspannung, Journaling, Achtsamkeit sowie das Vorverlegen von Terminen am Tag empfohlen, damit Sorgen und Gedanken verarbeitet werden können und der Abend (und das Einschlafen) weniger kognitiv belastet ist. Eine wichtige verhaltensbezogene Grundregel solltest du im Hinterkopf behalten: Das Bett ist für Schlaf und Intimität da – nicht für Problemlösen, Katastrophisieren oder langes, wachbleibendes Grübeln.

Pfeiler 2: Ankurbeln des Schlafdrucks: Gut schlafen — einschlafen leicht gemacht

Der Sleep-Drive bezeichnet den Aufbau von Schlafdruck über den wachen Tag hinweg. Um das zu unterstützen, empfehlen die Autoren, Nickerchen zu begrenzen, die Zeit zu reduzieren, die man im Bett wach liegt, und einige Kontrollprinzipien anzuwenden. Wenn ein Patient zum Beispiel nicht innerhalb von ungefähr 20 bis 30 Minuten einschlafen kann, sollte er aus dem Bett gehen und eine ruhige, nicht anregende Aktivität bei gedimmtem Licht machen, bis er wieder schläfrig wird. 

Zusätzlich hebt die Studie passend getimte Bewegung als Möglichkeit hervor, den Schlafdruck zu fördern und den Schlaf-Wach-Zyklus zu festigen – allerdings mit dem Hinweis, dass anstrengendes Training innerhalb der letzten Stunde vor dem Zubettgehen vermieden werden sollte. Für die Physiotherapeutin bzw. den Physiotherapeuten ist dieses Themenfeld besonders relevant, weil körperliche Aktivität am Tag, die richtige Übungsdosierung und verhaltensbezogene Aktivierung bereits vertraute Bestandteile der Rehabilitation sind. Die Autorinnen und Autoren weisen zudem darauf hin, dass Patientinnen und Patienten möglicherweise beruhigt werden müssen, dass zu Beginn dieser Verhaltensstrategien vorübergehende Müdigkeit am Tag auftreten kann. 

Säule 3: Zirkadianen Rhythmus evozieren: Stell deine innere Uhr ein

Der Schlüssel zu gutem Schlaf? Regelmässigkeit! Eine gleichbleibende Aufstehzeit – ungefähr innerhalb einer Stunde pro Tag, auch an Wochenenden – wird empfohlen, weil das offenbar wichtig ist, um die innere Uhr zu verankern. Die Autor:innen raten zudem, die tägliche Routine insgesamt genauer unter die Lupe zu nehmen – also auch die Regelmässigkeit von Mahlzeiten, Bewegung und dem sozialen Timing. Denn unregelmässige Lebensmuster können die Störung des zirkadianen Rhythmus noch verstärken.

Lichtbestrahlung wird als wichtiges Interventionsinstrument betrachtet. Die Autoren empfehlen, direkt nach dem Aufwachen morgens natürliches Licht zu nutzen und helles künstliches Licht in den 1 bis 2 Stunden vor dem Zubettgehen zu reduzieren. Aber was, wenn Ihr Patient im Schichtdienst arbeitet? Für Schichtarbeitende kann es hilfreich sein, die Schlafumgebung tagsüber dunkel zu halten und nach einer Nachtschicht Sonnenbrillen zu tragen, um die morgendliche Lichteinwirkung zu verringern. Für Physiotherapeutinnen und -therapeuten im muskuloskelettalen Bereich ist dieses Thema relevant, weil chronische Schmerzen häufig den Alltag, den Arbeitsstatus und die Muster körperlicher Aktivität stören – und damit auch den Schlaf weiter beeinträchtigen.

Säule 4: Schlafhygiene: Richtig vorbereitet, damit du fest durchschläfst

Die Autor:innen schlagen gängige verhaltens- und umweltbezogene Empfehlungen vor, die den Schlaf unterstützen, etwa ein ruhiges, kühles, dunkles Schlafumfeld sowie der Verzicht auf Koffein, Alkohol, Nikotin und schwere späte Mahlzeiten. Dabei machen sie aber deutlich, dass Schlafhygiene allein nur eine begrenzte Wirksamkeit hat – insbesondere bei anhaltender Insomnie oder schlafbezogenen Funktionsstörungen im Zusammenhang mit Schmerzen. In diesem Kommentar wird Schlafhygiene als Ergänzung dargestellt, nicht als eigenständige Intervention. Außerdem weisen die Autor:innen nachvollziehbar darauf hin, dass bestimmte Schlafhygiene-Empfehlungen für manche Patient:innen unrealistisch sein können – zum Beispiel wegen finanzieller oder umweltbedingter Einschränkungen. Deshalb sollten Kliniker:innen abwägen und nicht generische Ratschläge ohne Kontext geben. 

Behandlung von Schlafstörungen in der muskuloskelettalen Versorgung
Von: Shepherd et al., JOSPT (2026)

 

Fragen und Gedanken

Dieser klinische Kommentar liefert ein praxisnahes Interventionsgerüst für Physiotherapeutinnen und -therapeuten, die Menschen mit muskuloskelettalen Schmerzen sowie gleichzeitigen Schlafproblemen betreuen. Der Ansatz bleibt klar auf verhaltensbezogene Strategien ausgerichtet, die Ärztinnen und Ärzte (bzw. die Fachkräfte) direkt umsetzen können – statt auf die Diagnostik von Schlafstörungen. Gleichzeitig positioniert er Physiotherapeutinnen und -therapeuten als Ansprechpartner für Unterstützung zur Schlafgesundheit innerhalb eines Stufenmodells der Versorgung.

Diese vier Säulen basieren auf Prinzipien der kognitiven Verhaltenstherapie bei Insomnie (CBT-I). Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass CBT-I die Behandlung der ersten Wahl bei Insomnie ist – und dass sich ihre Prinzipien teilweise in die Physiotherapie integrieren lassen, wenn Menschen mit musculoskeletal bedingten Schmerzen behandelt werden. Das Vorgehen hat sich als wirksam erwiesen: mit langfristigen Verbesserungen der Schlafqualität und der Schmerz-Ergebnisse.

Ganz ähnlich wie bei CBT bei Schmerzproblemen zielt dieser Ansatz darauf ab, die Selbstmanagement-Fähigkeiten zu fördern, indem die individuellen psychologischen Einflussfaktoren berücksichtigt werden. Wichtig ist: Die Autoren erwarten nicht, dass Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten eine vollständige CBT für Insomnie (CBT-I) durchführen, sondern dass die zentralen verhaltensbezogenen Prinzipien in die muskuloskelettale Versorgung integriert werden.

Wir müssen anerkennen, dass das hier kein eindeutiger Evidenzbeleg ist, sondern lediglich ein Rahmen. Auch wenn die Empfehlungen hilfreich sind, wurden sie nicht in randomisierten klinischen Studien getestet – und das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man diese Ergebnisse einordnet. 

Behandlung von Schlafstörungen in der muskuloskelettalen Versorgung
Von: Shepherd et al., JOSPT (2026)

 

Talk nerdy to me

Die wichtigste Einschränkung dieser klinischen Kommentierung ist ihr pragmatischer Ansatz, der den Prozess einer systematischen Übersichtsarbeit umgeht – dadurch steigt das Risiko für Verzerrungen (Bias) grundsätzlich. Das Fehlen einer systematischen Suchstrategie, vordefinierter Einschlusskriterien und einer Bewertung des Bias bedeutet, dass die Auswahl der Evidenz nicht nachvollziehbar bzw. transparent ist. Dementsprechend könnten die Autor:innen eine Selektionsverzerrung eingeführt haben, indem sie bevorzugt Studien aufgenommen haben, die ihren vorgeschlagenen Rahmen unterstützen. Die Schlussfolgerungen sind daher vorsichtig zu interpretieren – auch weil es an einer direkten empirischen Validierung fehlt, weil auf Sekundärnachweise zurückgegriffen wird und weil das Vorgehen nicht systematisch ist. Zudem muss man anerkennen, dass die Evidenzlage bei einer klinischen Kommentierung im Allgemeinen niedriger ist als bei randomisierten kontrollierten Studien oder systematischen Reviews.

Trotz methodischer Grenzen bietet der Kommentar in der klinischen Anwendung klare Stärken. Er liefert ein sehr gut übertragbares, pragmatisches Framework – Schritt für Schritt – das sich in der täglichen Praxis nutzen lässt. Die Autorinnen und Autoren haben komplexe, interdisziplinäre Evidenz aus der Schlafmedizin, Psychologie und der Schmerzforschung erfolgreich verdichtet zu einem direkt umsetzbaren Tool für Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten. Dieser Ansatz soll Ärztinnen und Ärzte dabei unterstützen, auf schlafbezogene Störungen im Zusammenhang mit muskuloskelettalen Beschwerden zu screenen und – wenn nötig – Überweisungsentscheidungen fundiert zu treffen. Wichtig ist: Er bleibt im aktuellen Praxisrahmen und soll die behandelnde Fachkraft unterstützen – statt Spezialwissen zu Schlafstörungen vorauszusetzen. Am Ende liefert die Arbeit ein klinisch wertvolles Framework, das von der Theorie her fundiert ist.

 

Botschaften zum Mitnehmen

Gestörter Schlaf ist nicht nur ein Symptom—er treibt Schmerz und die Erholung aktiv an. Wenn Patientinnen und Patienten Schlafstörungen berichten, sollten wir nicht nur das dokumentieren, sondern weitergehen und nach möglichen zugrunde liegenden Auslösern für muskuloskelettale Schmerzprobleme suchen. Wenn Schlafdysfunktion erkannt und als Faktor berücksichtigt wird, der die Entstehung oder das Fortbestehen der muskuloskelettalen Schmerzsymptomatik mitbedingt, wie in unserer vorherigen Research Review hervorgehoben, können wir die Patientin oder den Patienten zur weiteren Abklärung an Schlafexpertinnen und -experten verweisen. Die aktuelle Übersichtsarbeit macht jedoch deutlich: Die Physiotherapeutin oder der Physiotherapeut kann besseren Schlaf unterstützen, indem er vier Bereiche gezielt angeht—präschlafliche Erregung reduzieren, den Schlafdruck erhöhen, den zirkadianen Rhythmus stabilisieren und Schlafhygiene als Ergänzung nutzen (nicht als alleinige Behandlung). 

 

Referenz

Shepherd, M. H., Neilson, B. D., & Siengsukon, C. F. (2026). Die Schmerzen durch schlechten Schlaf: Ein Leitfaden für Kliniker zur Beurteilung und Behandlung von Schlafstörungen bei Menschen mit muskuloskelettalen Schmerzbedingungen. Jospt Open, 4(1), 12-22.

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