Brücke zwischen den Welten: Abgleich der Erwartungen von Patient*innen mit den Wahrnehmungen von Physiotherapeut*innen
Einführung
Patientenerwartungen und -wahrnehmungen sind entscheidende Treiber für klinische Ergebnisse. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass eine höhere Patientenzufriedenheit mit stärkerer Einbindung, besserer Therapietreue und verbesserten wahrgenommenen Ergebnissen einhergeht. Umgekehrt können negative Erwartungen zu einem Nocebo-Effekt beitragen – das verstärkt Schmerzen und verringert die Wirksamkeit der Behandlung. Erwartungen von Patientinnen und Patienten also gezielt und zuverlässig zu erkennen und darauf einzugehen ist daher essenziell – in der Praxis aber oft nicht ganz einfach. Dieser Artikel beleuchtet Patientenerwartungen in der Physiotherapie und zeigt mögliche Unterschiede zwischen den Prioritäten der Patientinnen und Patienten sowie den Annahmen der Behandlerinnen und Behandler. Diese Übersichtsarbeit hat das Ziel, Patientenerwartungen, Zufriedenheit und Wahrnehmungen besser zu verstehen – mit praktischen Tools, die sofort einsatzbereit sind, um klinische Ergebnisse zu verbessern.
Methoden
Diese Querschnittsstudie folgte den STROBE-Richtlinien für Beobachtungsstudien und den CHERRIES-Empfehlungen für Online-Umfragen. Es wurden zwei strukturierte Fragebögen entwickelt und mit sechs Teilnehmenden pilotgetestet (drei Patientinnen und drei Physiotherapeutinnen).
Die Fragebögen erhoben demografische Daten und erfassten 22 Erwartungen über vier Bereiche hinweg: Information, Interaktion, Fachkompetenz und Umfeld. Die Patient*innen ordneten die Erwartungen nach ihren persönlichen Prioritäten, während die Physiotherapeut*innen sie anhand der wahrgenommenen Prioritäten der Patient*innen einordneten.
Die Stichprobengrössen wurden mit SurveyMonkey berechnet (95%-Konfidenzniveau, 5%-Fehlerspanne) und zielten auf 385 Patient:innen sowie 283 Physiotherapeut:innen ab. Die Teilnehmenden wurden über digitale Kanäle rekrutiert, darunter Patientenverbände, professionelle Netzwerke, Social Media und Mailinglisten.
Die Einschlusskriterien werden weiter in Tabelle 1 dargestellt.

Die statistische Auswertung wurde mit Minitab durchgeführt. Gruppenvergleiche wurden mit Mann–Whitney-Tests durchgeführt, basierend auf der mittleren Bedeutung, die jeder Erwartung über die vier Domänen hinweg zugewiesen wurde.
Ergebnisse
Geografische und soziodemografische DatenInsgesamt wurden 618 Patientinnen und Patienten mit muskuloskelettalen Erkrankungen sowie 489 Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten nach dem Screening auf vollständige Antworten einbezogen. Die Datenerhebung erfolgte über Online- und Papierfragebögen. Unvollständige Angaben wurden ausgeschlossen, und es wurde keine Imputation durchgeführt. Die Analysen wurden mit einem Konfidenzniveau von 95% und einer Fehlerspanne von 5% durchgeführt. Die Patientinnen und Patienten waren hauptsächlich in bestimmten französischen Departements verortet (Loiret, Hérault, Doubs), während die Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten gleichmäßiger verteilt waren – mit einer höheren Konzentration in Île-de-France. Die soziodemografischen Merkmale der Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten werden separat dargestellt.


Erwartungen von Patientinnen und Patienten mit muskuloskelettalen Erkrankungen
Unterschiedliche Erwartungen
Erwartungen wurden nach festgelegten Kategorien bewertet (Information, Interaktion, Umgebung, Fachkompetenz). Die wichtigsten Prioritäten der Patientin/des Patienten waren, ihre/seine Erkrankung zu verstehen (Information), eine Betreuungskraft zu haben, die zuhört und aufklärt (Interaktion), eine gründliche Erstuntersuchung durchzuführen (Fachkompetenz) und schnell Zugang zur Versorgung zu bekommen (Umgebung).
Gemeinsamkeiten zwischen den Erwartungen, die Patientinnen und Patienten sowie Physiotherapeutinnen und -therapeuten wahrnehmen
Vergleiche zwischen den Erwartungen von Patientinnen und Patienten und den Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten zeigten sowohl Übereinstimmungen als auch Abweichungen in allen Kategorien. Detaillierte statistische Analysen identifizierten dabei signifikante Unterschiede. Diese Gemeinsamkeiten und Abweichungen werden in den folgenden Abbildungen dargestellt.
Zur besseren Einordnung sollte in der Abbildung die Einheit der y-Achse angegeben werden. Wie von den Autoren angegeben, liegen die Werte zwischen 1 und N, wobei 1 die höchste Priorität und N die niedrigste Priorität darstellt. Jeder Punkt wird innerhalb seiner Kategorie gerankt; dabei entspricht N der Gesamtzahl der Punkte in dieser Kategorie.
Informationen
Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten haben die Bedeutung überschätzt, Lösungen bereitzustellen, während sie den Bedarf der Patientinnen und Patienten nach Erklärungen und Tipps für das Selbstmanagement unterschätzt haben. Beide Gruppen waren sich darüber einig, wie wichtig es ist, die Erkrankung zu verstehen – allerdings ohne statistische Signifikanz. Insgesamt hängen die Lücken mit Patientenschulung und Selbstbestimmung zusammen.

Therapeutische Interaktion
Obwohl beide Gruppen die Bedeutung von Zuhören und Kommunikation als wichtig einordneten, schätzten Physiotherapeut:innen die Erwartungen von Patient:innen hinsichtlich ihrer Einbindung in die Entscheidungsfindung und Motivation zu niedrig ein. Umgekehrt bewerteten Physiotherapeut:innen beruhigende Zuwendung und psychosoziale Aufmerksamkeit als zu hoch. Das spiegelt eine Diskrepanz zwischen aktiven und eher passiven Modellen der Patient:innenbeteiligung wider.

Technisches Know-how
Patienten legen mehr Wert auf die anfängliche Untersuchung und diagnostische Erklärungen als Physiotherapeutinnen und -therapeuten, während Physiotherapeutinnen und -therapeuten stärker auf Behandlungsergebnisse fokussieren. Für die Frage, ob die erwartete Versorgung erhalten wurde, zeigte sich kein Unterschied. Das deutet darauf hin, dass Patientinnen und Patienten frühe klinische Prozesse höher schätzen, als Fachkräfte es erwarten.

Betreuungsumgebung
Beide Gruppen schätzten kurze Wartezeiten als wichtig ein, allerdings haben Physiotherapeutinnen und -therapeuten ihre Bedeutung überschätzt. Patientinnen und Patienten legten mehr Wert auf die Qualität und den Komfort der Praxis. Andere organisatorische Faktoren zeigten keine signifikanten Unterschiede. Das deutet darauf hin, dass Umweltaspekte von Physiotherapeutinnen und -therapeuten eher unterschätzt werden.

Anschauliche Übersicht der Ergebnisse
Insgesamt zeigen die Ergebnisse eine moderat ausgeprägte Übereinstimmung zwischen den Erwartungen der Patient:innen und den Einschätzungen der Physiotherapeut:innen – allerdings bleiben die Abweichungen relativ konstant. Dabei geht es vor allem um die Bedeutung von Erklärungen, die Einbindung der Patient:innen und die Qualität des Versorgungskontexts. Physiotherapeut:innen erkennen die wichtigsten Prioritäten zwar meist richtig, schätzen aber deren jeweilige relative Bedeutung häufig falsch ein.

Fragen und Gedanken
Das Common Sense Model der Selbstregulation (CSM) kann sich als hilfreicher Rahmen eignen, um Erwartungen von Patient:innen anzugehen. Dieses Modell beschreibt fünf zentrale Bereiche, die das Bild einer Person von einer Gesundheitsstörung prägen: Identität (die diagnostische Bezeichnung, z. B. Tendinopathie oder Fraktur), Zeitrahmen (wahrgenommener Beginn, Dauer und Verlauf), Konsequenzen (Auswirkungen auf körperliche, kognitive und soziale Funktionen), Ursachen (Überzeugungen darüber, wodurch die Störung entstanden ist) und Kontrolle (wahrgenommene Fähigkeit von Patient:in und Therapeut:in, die Störung zu beeinflussen).
Diese Bereiche scheinen besonders relevant zu sein, wenn man die Ergebnisse dieser Studie berücksichtigt. Die Patient:innen hatten sehr klare Erwartungen, dass man versteht, worauf ihre Schmerzen zurückzuführen sind, dass ihnen zugehört wird und dass eine gründliche körperliche Untersuchung erfolgt. Solche Bedenken lassen sich mithilfe einer strukturierten Patient:innenbildung auf Basis der CSM-Domänen wirksam adressieren. So gelingt es besser, klinische Erklärungen an die Überzeugungen und Prioritäten der Patient:innen anzupassen.
Allerdings erfordert die Anwendung des CSM in der Praxis Vorsicht. Die Studie macht deutlich, dass Patientinnen und Patienten erwarten, aktiv in die Entscheidungsfindung eingebunden zu werden. Daher sollten Bildungsstrategien, die sich an diesem Modell orientieren, keine rein von oben nach unten geprägte Vorgehensweise verfolgen. Stattdessen sollten sie einen kooperativen, patientenzentrierten Dialog fördern, damit der Austausch von Informationen Autonomie unterstützt – und nicht eine hierarchische Dynamik verstärkt.
Talk nerdy to me
Die geografische Verteilung der Teilnehmenden kann eine Einschränkung darstellen. Die meisten Patientenantworten stammten aus ländlichen Regionen in Frankreich, was die Möglichkeit aufwirft, dass physiotherapeutische Erwartungen und Vorstellungen zwischen ländlicher und städtischer Bevölkerung unterschiedlich sind. Solche Unterschiede können unter anderem durch Faktoren wie den Bildungsstand beeinflusst werden, der wiederum Überzeugungen und Einstellungen gegenüber Gesundheitsfachkräften prägen kann.
Die grosse Stichprobengrösse und die breite geografische Abdeckung sorgen für eine starke statistische Aussagekraft. Allerdings reduzieren die weit gefassten Einschlusskriterien die Spezifität der Ergebnisse und können ihre Übertragbarkeit auf klarer definierte Patientengruppen einschränken.
Eine weitere Einschränkung betrifft die Verwendung von Fragebögen. Die Formulierung der Fragen kann Verzerrungen (Bias) einführen und so dazu führen, dass Befragte fehlgeleitet werden oder dass implizite Annahmen mit eingebettet werden. Es wäre sinnvoll zu untersuchen, ob bestimmte Fragen möglicherweise anders hätten formuliert werden können, um dieses Risiko zu minimieren.
Grundsätzlich begrenzen fragebogenbasierte Studien die Antworten von vornherein auf vorgegebene Themen – das kann das widerspiegeln, was für Patientinnen und Patienten am wichtigsten ist, nicht vollständig erfassen. Ein vorläufiger qualitativer Ansatz hätte dabei helfen können, zentrale Themen zu identifizieren – fundiert in den gelebten Erfahrungen der Patientinnen und Patienten. Das wirft Fragen zur Entwicklung der Erwartungskategorien auf: Woher stammen sie, und basierten sie auf früherer qualitativer Forschung oder auf theoretischen Rahmenwerken? Ohne diese Klarheit könnte der Untersuchungsumfang unnötig eingeschränkt worden sein. Eine deutlichere Verankerung in qualitativen Methoden (z. B. induktiven Ansätzen oder Grounded Theory) würde die konzeptionelle Grundlage stärken.
Auch die Auslassung unvollständiger Fragebögen sollte man in Betracht ziehen. Obwohl diese Entscheidung im Einklang mit methodischen Leitlinien steht, könnte sie dadurch Verzerrungen eingeführt haben, dass systematisch bestimmte Teilnehmertypen ausgeschlossen wurden — und damit möglicherweise bestimmte Perspektiven zum Schweigen gebracht wurden.
Schließlich braucht es mehr Transparenz in Bezug auf die Entwicklung der Fragebögen. Was war die Begründung für jede einzelne Frage? Wurde ein systematischer Prozess zur Generierung und Auswahl der Items verwendet? Einige Konzepte, wie „als Individuum behandelt werden“, würden von einer klareren Definition profitieren, da sie interpretationsanfällig sind, zu unterschiedlichen Auslegungen führen können und damit die Konsistenz der Antworten beeinflussen.
Botschaften zum Mitnehmen
- Die Erwartungen von Physiotherapie-Patienten gehen über die Symptomlinderung hinaus. Patienten legen Wert darauf, ihre Erkrankung zu verstehen, klare Erklärungen zu erhalten, aktiv an Entscheidungen zur Behandlung beteiligt zu sein und von einer gründlichen Erstuntersuchung zu profitieren.
- Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten erkennen in der Regel, was für Patientinnen und Patienten wichtig ist – schätzen aber häufig die relative Bedeutung falsch ein. Die grössten Abweichungen betreffen die Patientenschulung, die geteilte Entscheidungsfindung und den Stellenwert, den Patientinnen und Patienten Erklärungen beimessen.
- Erklärung ist Therapie: Patienten dabei zu helfen, die Ursache, den zeitlichen Verlauf und die Behandlung ihrer Beschwerden zu verstehen, ist kein „zusätzliches“ Element der Versorgung. Es ist zentral, um Vertrauen, Mitmachbereitschaft und Therapietreue aufzubauen.
- Patienten wollen Partnerschaft – keine passive Beruhigung. Diese Studie deutet darauf hin, dass Patienten eine aktive Beteiligung an Entscheidungen höher schätzen, als Klinikerinnen und Kliniker vielleicht erwarten. Daher sollte die kollaborative Kommunikation Priorität haben.
- Die erste Sitzung zählt: Eine gründliche körperliche Untersuchung und eine transparente klinische Entscheidungsfindung prägen nachweislich stark, wie Patientinnen und Patienten die professionelle Kompetenz wahrnehmen und wie sicher sie sich in der Versorgung fühlen.
- Das Umfeld der Versorgung beeinflusst das Patientenerlebnis. Bequemlichkeit in der Praxis, die Qualität der Ausstattung und die allgemeine Atmosphäre beeinflussen, wie Patientinnen und Patienten die Qualität der physiotherapeutischen Versorgung wahrnehmen.
- Das Common-Sense-Modell kann einen praktischen Rahmen bieten, um Erwartungen zu steuern: Wenn du die Vorstellungen deiner Patient*innen über ihre Beschwerden erkundest (Identität, Verlauf, Auswirkungen, Ursachen und Einfluss/Machbarkeit), kannst du die Aufklärung gezielter gestalten und Behandlungspläne besser an die individuellen Erwartungen anpassen.
- Erwartungen zu erfüllen heisst nicht, jeder Überzeugung zuzustimmen: Es heisst, die Perspektiven der Patient*innen zu verstehen, Missverständnisse respektvoll aufzugreifen und gemeinsam einen sinnvollen Rehabilitationsplan zu entwickeln.
Referenz
DIE ROLLE DER VMO & QUADS IN DER PFP
Sehen Sie sich diesen KOSTENLOSEN ZWEITEILIGEN VIDEO-VORTRAG der Knieschmerzexpertin Claire Robertson an, die die Literatur zu diesem Thema und ihre Auswirkungen auf die klinische Praxis analysiert.