Forschung Training 29. September 2026
Xiao et al., Zeitschrift für Elektromyographie und Kinesiologie. (2026)

Zentrale und periphere Fatigue: Auswirkungen auf die sportliche Leistungsfähigkeit und Konsequenzen für die Physiotherapie – Teil 2: Intervention

Intervention bei zentraler und peripherer Ermüdung

Dieser zweite Teil des Reviews geht auf die klinischen und praktischen Aspekte von zentraler und peripherer Ermüdung ein – mit Fokus darauf, wie Ermüdung im Sport beurteilt und gezielt gemanagt werden kann

Labormessungen können dir mechanistische Einblicke geben, während praxisnahe Tests wie CMJ, Sprintleistung, MVIC, RPE und Wellness-Messungen meist nur indirekte Informationen liefern und daher zusammen interpretiert werden sollten

Individuelle Ausgangswerte, longitudinale Trends und sportartspezifische Task-Analysen können helfen, relevante Veränderungen in der Leistung sowie der Belastungstoleranz zu erkennen und Trainings- und Regenerationsentscheidungen zu fundieren

Einführung

Wie bereits in Teil 1 dieser Übersicht besprochen, bezeichnet Fatigue eine verminderte Fähigkeit, Kraft und Power zu erzeugen und während des Fortschreitens der körperlichen Aktivität eine angemessene motorische Kontrolle aufrechtzuerhalten. Das kann das Verletzungsrisiko erhöhen – insbesondere bei lang andauernder oder anspruchsvoller Belastung. Das Monitoring von Fatigue kann daher dabei helfen, dass Kliniker Athlet:innen mit einem höheren Risiko erkennen und Strategien ableiten, um verletzungsbedingte Folgen von Fatigue zu verhindern.

Zentrale und periphere Ermüdung sind miteinander verknüpfte Mechanismen: Sie treten auf der supraspinalen bzw. muskulären Ebene auf und werden durch metabolische Prozesse beeinflusst. Ermüdung wird zudem durch mehrere Faktoren geprägt – darunter der Übungskontext, die Kontraktionsmodalität, die kognitiven Anforderungen und die Umweltbedingungen. Um diesen sich gegenseitig beeinflussenden Anforderungen Rechnung zu tragen, haben wir zuvor die Aufgabenanalyse als Rahmen vorgeschlagen, um die körperlichen Anforderungen spezifischer sportlicher Aufgaben zu identifizieren sowie den möglichen Beitrag verschiedener Ermüdungsmechanismen. Dieser umfassende Ansatz kann Ärztinnen und Ärzte dabei unterstützen, sportartspezifische Anforderungen genauer zu definieren und eine gezielte Beurteilung sowie Interventionen zu steuern.

Dieser zweite Teil des Reviews konzentriert sich auf praxisnahe Assessments zur Überwachung von Ermüdung in der Sportphysiotherapie – damit du klinische Entscheidungen besser treffen kannst und passende Interventionen ableitest.

 

Methoden

Der geprüfte Artikel ist eine narrative Übersichtsarbeit.

 

Ergebnisse

 

Messungen von peripherer und zentraler Ermüdung

Kontraktilitätsmessungen

Periphere Ermüdung wird meistens über kontraktile Antworten beurteilt, die unabhängig von freiwilliger neuronaler Ansteuerung ausgelöst werden. In der Praxis wird eine supramaximale elektrische Stimulation an einen motorischen Nerv angelegt, um die Motoreneinheiten zu aktivieren und eine ausgelöste Zuckung hervorzurufen. Der Vergleich der Zuckungskräfte vor und nach dem Training liefert eine Schätzung der Veränderungen der muskulären Kontraktionsfunktion und damit auch des Ausmaßes der peripheren Ermüdung.

Allerdings sind stimulierungsbasierte Assessments unangenehm, technisch anspruchsvoll und erfordern spezielles Equipment sowie entsprechendes Fachwissen. Daher sind sie trotz ihres Nutzens als experimentelle Messverfahren nur begrenzt für Routinetests oder Assessments vor Ort geeignet.

sEMG-basierte neuromuskuläre Messungen

Die Oberflächen-Elektromyografie (sEMG) liefert nicht-invasive Informationen über die elektrische Muskelaktivität sowie ermüdungsbezogene Veränderungen. Dabei werden die elektrischen Potenziale erfasst, die durch aktive Muskelfasern entstehen. Daraus lassen sich Variablen wie die mittlere und mediane Frequenz, die Muskelfaserdurchtrittsgeschwindigkeit sowie Merkmale der M-Welle ableiten. Allerdings werden sEMG-Signale sowohl durch Eigenschaften des peripheren Muskelgewebes als auch durch neuronale Faktoren beeinflusst, wodurch die Interpretation im Sinne von Ermüdungsmechanismen komplex wird.

Wenn Müdigkeit zunimmt, können die Reduktionen der medianen und mittleren Frequenzen zumindest teilweise auch auf eine geringere Leitgeschwindigkeit in den Muskel-fasern zurückgehen – das wäre ein indirekter Hinweis auf eine periphere Ermüdung. Während anhaltender Kontraktionen kann eine beibehaltene oder sogar erhöhte sEMG-Aktivität trotz abnehmender Kraftleistung ebenfalls zu einer peripheren Ermüdung passen. Denn es kann sein, dass ein stärkerer neuronaler Antrieb nötig wird, um die nachlassende kontraktile Leistungsfähigkeit auszugleichen. Allerdings können auch Veränderungen bei der Rekrutierung von Motor-Units, der Entladungsrate und der Synchronisation das sEMG-Signal beeinflussen. Daher kann man mit sEMG allein nicht zuverlässig zwischen zentraler und peripherer Ermüdung unterscheiden.

High-Density-Oberflächenelektromyografie (HD-sEMG) in Kombination mit Dekompositionstechniken liefert detailliertere Informationen über das Verhalten von Motor-Units – inklusive Entladungsrate, Rekrutierungs- und Derekrutierungsschwellen, Entladungsvariabilität sowie typischer synaptischer Eingänge. Diese Messgrößen können zusätzliches Verständnis für neuromuskuläre Anpassungen unter Ermüdung liefern. Allerdings identifizieren sie die Ermüdungsursache nicht direkt. Denn Änderungen im Verhalten der Motor-Units können eher kompensatorische oder auf die Aufgabe bezogene motorische Strategien widerspiegeln – statt nur zentraler Ermüdung.

Folglich lassen sich EMG-basierte Messungen am besten im Zusammenspiel mit ergänzenden Beurteilungen interpretieren. Die Kombination von sEMG oder HD-sEMG mit evozierten Twitch-Reaktionen, Messungen der willentlichen Aktivierung und leistungsbezogenen Endpunkten kann eine umfassendere Charakterisierung der Mechanismen ermöglichen, die zu Ermüdung beitragen.

Athlet*innen-Überwachung und -Beurteilung

Auch wenn Labortechniken detaillierte Informationen über die Mechanismen hinter Ermüdung liefern, ist ihre praktische Anwendung im Sportkontext begrenzt. Methoden wie TMS, Protokolle zur willentlichen Aktivierung, fNIRS und das Testen evozierte(r) Twitchs erfordern spezielles Equipment, technisches Know-how und kontrollierte Testbedingungen – dadurch lassen sie sich im Feld nur schwer routinemäßig einsetzen. Selbst wenn EMG- oder HD-sEMG-Systeme tragbar sind, können die Datenerhebung und die Auswertung für das regelmäßige Monitoring von Athlet:innen weiterhin vergleichsweise anspruchsvoll bleiben.

Im Gegensatz dazu sind Werte zur wahrgenommenen Anstrengung (RPE), Wohlbefindensfragebögen, die Herzratenvariabilität (HRV), der Gegenbewegungssprung (CMJ), die Sprintleistung und kurze Reaktionszeitaufgaben besser zugänglich und lassen sich in sportlichen Settings immer wieder einsetzen. Allerdings liefern die meisten dieser Messungen nur indirekte Hinweise auf Müdigkeit und sind am aussagekräftigsten, wenn man sie über längere Zeit hinweg im Vergleich zum Ausgangsniveau der jeweiligen Person interpretiert.

Der RPE ist einer der am häufigsten verwendeten Ansätze, um Ermüdung und Trainingsbelastung zu überwachen. Er wurde mit physiologischen Reaktionen in Verbindung gebracht, etwa mit der Herzfrequenz, dem Blutlaktat und weiteren Markern für Trainingsstress. Wohlbefindensfragebögen werden zudem in Leistungssport-Settings häufig eingesetzt, um Faktoren wie Schlafqualität, wahrgenommenen Stress und Muskelkater zu erfassen. Allerdings sind beide Vorgehensweisen anfällig für Schwankungen in der Selbstauskunft sowie für psychosoziale oder kontextbezogene Einflüsse. Fragebogenbasiertes Monitoring kann außerdem durch uneinheitliche Teilnahme bzw. Ausfüllbereitschaft beeinträchtigt werden.

Daher sollten diese Messwerte nicht isoliert interpretiert werden. Ihr Hauptnutzen dürfte darin liegen, Abweichungen vom individuellen Ausgangsniveau des Athleten zu erkennen – statt sich auf allgemeingültige Schwellenwerte zu verlassen. Plötzliche oder anhaltende Veränderungen über mehrere Monitoring-Bereiche hinweg können ein Signal liefern, das eine weitere Abklärung rechtfertigt. Trotzdem bleibt der Aussagewert von Fragebögen zum Wohlbefinden in Bezug auf spätere Leistung oder das Risiko einer Verletzung unklar. Die Kombination subjektiver Messgrößen mit objektiven Leistungs- und physiologischen Messwerten kann daher einen belastbareren Ansatz für das Fatigue-Monitoring bieten.

Von: Xiao et al., J Electromyogr Kinesiol. (2026)

Von: Xiao et al., J Electromyogr Kinesiol. (2026)

Neuromuskuläre und Leistungstests

Die maximale willkürliche isometrische Kontraktion (MVIC) quantifiziert die maximale willkürliche Kraft und kann, wenn die Kraft über die Zeit aufgezeichnet wird, auch zur Beurteilung der Rate der Kraftentwicklung genutzt werden. Die willkürliche Aktivierung kann zusätzliche Informationen zur zentralen Ermüdung liefern, auch wenn ihre Messung fortgeschrittene Testverfahren erfordert. Isometrische Mid-Thigh-Pulls können eine praxisnahe Darstellung der neuromuskulären Ermüdung der unteren Extremität bieten.

Der Countermovement-Jump (CMJ) ist ein einfach durchzuführender Test in Leistungssituationen. Bisherige Evidenz deutet darauf hin, dass die durchschnittliche CMJ-Höhe empfindlicher für Ermüdung sein könnte als die maximale Sprunghöhe. Sprinttests können ebenfalls hilfreiche Informationen liefern, aber eine alleinige Verkürzung der Sprintzeit reicht möglicherweise nicht aus, um Ermüdung zu überwachen. Auch Veränderungen in der Sprintmechanik werden mit neuromuskulärer Ermüdung in Verbindung gebracht und könnten daher zusätzliche Informationen liefern.

Sowohl das CMJ als auch die Sprintleistung können durch zahlreiche Faktoren beeinflusst werden. Daher ist die Konsistenz des Testverfahrens entscheidend. Kliniker sollten die Aufwärmprozeduren, die Anweisungen, die Testbedingungen und die verbale Motivation standardisieren. Unterschiede im CMJ oder in der Sprintleistung können eher auf Testvariabilität zurückzuführen sein als auf echte Veränderungen der Ermüdung. Leistungsminderungen sollten daher im Kontext der normalen Variabilität jedes Tests interpretiert werden.

Ermüdungstests sollten je nach den konkreten Anforderungen des Sports ausgewählt werden, den die Athletin oder der Athlet betreibt. Beispielsweise können Sprint- und Richtungswechsel-Tests die physischen Belastungen im Fußball besser abbilden, während CMJ- und Bewertungen seitlicher Bewegungen im Basketball relevanter sein können. Wie in Teil 1 dieser Übersicht besprochen, kann die Aufgabenanalyse dabei helfen, die spezifischen körperlichen und neuromuskulären Anforderungen eines bestimmten Sports zu identifizieren und so die Auswahl geeigneter Tests zu steuern.

Kliniker sollten Leistungskennzahlen mit einem interpretativen Ansatz kombinieren, der Trends berücksichtigt. Wenn es möglich ist, können ergänzende physiologische und biochemische Untersuchungen zusätzliche Informationen liefern – dazu, welche Mechanismen zur Ermüdung beitragen.

Herzratenvariabilität (HRV)

HRV ist ein indirekter Marker für autonomen Stress und kann kontextbezogene Hinweise zur neuromuskulären Ermüdung geben. Es kann durch die Schlafqualität, die aufgestaute Trainingsbelastung und andere Faktoren beeinflusst werden, die die Leistungsfähigkeit eines Athleten bei nachfolgender neuromuskulärer Belastung bestimmen. HRV kann daher hilfreich sein, wenn du die Leistung bei CMJ-, Sprint- oder wiederholten Sprinttests einordnest, aber es kann nicht feststellen, ob die Ursache eher zentralen oder peripheren Ermüdungsmechanismen entspringt. Frühere Forschung hat außerdem gezeigt, dass die Zusammenhänge zwischen HRV und psychophysiologischen Ermüdungsmarkern uneinheitlich sind – darunter Muskelschmerz, Stress, Stimmung, Schlafqualität und Cortisol in Trainingskontexten.

HRV kann besonders relevant sein, um Ausdauertraining zu überwachen – und sollte deshalb über die Zeit innerhalb derselben Person beurteilt werden. Die Aussagekraft ist bei kraftbetonten oder gemischten Sportarten möglicherweise geringer. Außerdem können Schlaf, Hydration, psychischer Stress und die Messbedingungen HRV deutlich beeinflussen – und dadurch wird die Interpretation eingeschränkt, wenn man HRV nur isoliert betrachtet.

Auf klinischer Ebene sollte HRV daher nicht als alleiniger Messwert verwendet werden. Stattdessen lässt es sich besser im Zusammenhang mit der Ruheherzfrequenz, Veränderungen der neuromuskulären Leistungsfähigkeit, der subjektiven Belastungswahrnehmung, Muskelkater und weiteren längerfristigen Indikatoren zur Erholung einordnen.

Blut-Biomarker

Kreatinkinase (CK) ist ein breit untersuchter Biomarker, um muskulären Stress durch Training zu überwachen – allerdings mit wichtigen Einschränkungen. CK-Reaktionen hängen deutlich von der Art des Trainings, der Muskelmasse, dem Trainingsstatus und individuellen Merkmalen ab. Auch CK- und Cortisol-Reaktionen können zwischen Personen stark variieren – unter anderem je nach Geschlecht und weiteren biologischen Faktoren. Ernährungsinterventionen wie eine Supplementierung mit verzweigtkettigen Aminosäuren (BCAA) können akute CK-Anstiege möglicherweise zusätzlich abschwächen – und zeigen damit den Einfluss von Kontextfaktoren auf diesen Marker. CK sollte daher vorzugsweise anhand individueller Referenzbereiche interpretiert werden – statt mit universellen Grenzwerten. Andauernde oder fortschreitende Anstiege im Vergleich zum individuellen Ausgangswert der Athletin bzw. des Athleten verdienen jedoch trotzdem weitere Aufmerksamkeit.

Entzündungsprozesse lassen sich auch über die Konzentrationen zirkulierender Zytokine untersuchen. Interleukin-6 (IL-6), C-reaktives Protein (CRP) und Tumornekrosefaktor-alpha (TNF-α) können Informationen über längerfristige Anpassungen an das Training liefern. Bei chronischem Training kann es sein, dass die Ausgangswerte entzündlicher Marker sinken. Allerdings haben diese Biomarker nur eine begrenzte praktische Relevanz für das Monitoring von kurzfristiger Ermüdung.

 

Auswirkungen auf Training und Regeneration

Sportbedingte Müdigkeit ist mehrdimensional – daher sollte die Beurteilung auch psychologische Faktoren, Muskelmerkmale, die Trainingshistorie sowie die aktuelle Belastung des Athleten berücksichtigen. Subjektive und objektive Messwerte sollten kombiniert werden. Längsschnittliche Bewertungen sind dabei mit den individuellen Ausgangswerten zu vergleichen. Verschiedene Marker sollten gemeinsam und nicht unabhängig voneinander interpretiert werden.

Der folgende Abschnitt betrachtet die verschiedenen Strategien, die zur Unterstützung der Erholung von Müdigkeit zur Verfügung stehen. Tabelle 3 fasst die Erholungsmöglichkeiten nach ihren jeweiligen Bereichen zusammen – mit Effektstärken von 0,2 (klein), 0,5 (moderat) bis 0,8 oder höher (groß). Da diese Effektstärken aus Studien mit unterschiedlichen Populationen, Protokollen und Vergleichsbedingungen abgeleitet wurden, haben die Autorinnen und Autoren die Konsistenz der Evidenz, ihre mechanistische Relevanz für neuromuskuläre Ermüdung und die praktische Umsetzbarkeit in Tabelle 3 priorisiert und explizit hervorgehoben – statt sich nur auf die Effektstärke zu verlassen.

Von: Xiao et al., J Electromyogr Kinesiol. (2026)

Lastmanagement ist eines der zentralen Prinzipien im Fatigue-Management. Hochintensive Intervall-Einheiten, insbesondere im Teamsport, können zu einer erheblichen peripheren Ermüdung führen, während Krafttraining neuronale und muskuläre Anpassungen fördern kann. Die Erholung sollte daher an den Anforderungen der vorherigen Trainingseinheit ausgerichtet werden – mit ausreichend Erholungsphasen zwischen anspruchsvollen neuromuskulären Sessions. Das Sitzungs-RPE multipliziert mit der Trainingsdauer ergibt eine praxisnahe Schätzung der internen Trainingsbelastung und spiegelt die Reaktion der Athletin bzw. des Athleten auf die vorgegebene Belastung wider.

Leistungsprofile und subjektive Reaktionen können Ärztinnen und Ärzte zusätzliche Informationen liefern. Reduktionen der neuromuskulären Leistungsfähigkeit, z. B. eine verminderte CMJ- oder MVC-Performance in Kombination mit erhöhtem subjektivem Belastungsempfinden oder Muskelkater, können vorübergehende Anpassungen unterstützen – etwa eine Reduktion der Trainingsintensität oder die Einführung zusätzlicher Regeneration. Eine Abnahme von ungefähr 5–10% gegenüber dem individuellen Ausgangswert – vor allem, wenn sie mit mehr Muskelkater oder wahrgenommener Müdigkeit einhergeht – kann dafür sprechen, hochintensives Training für 24–48 Stunden zu reduzieren. Die Schwellenwerte sollten jedoch individuell festgelegt werden und nicht pauschal auf alle angewendet werden. Ein erhöhter Ruhepuls und eine reduzierte HRV können auf eine höhere autonome Belastung hindeuten und den Einsatz von Training mit geringerer Intensität oder Erholungseinheiten unterstützen. Umgekehrt kann stark erhöhte subjektive Müdigkeit bei erhaltener neuromuskulärer Leistungsfähigkeit auf einen größeren Anteil an Wahrnehmung oder zentralen Faktoren hindeuten. In diesem Zusammenhang sollten der Fokus auf Schlafoptimierung, eine passende Ernährung und Strategien zur psychologischen Regeneration liegen.

 

Trainingsstrategien, die auf zentrale und periphere Anpassungen bei Ermüdung abzielen

Krafttraining und Muskelmorphologie

Eine Zunahme der physiologischen Muskel-Querschnittsfläche (PCSA) kann die kraftentfaltende Leistungsfähigkeit verbessern und möglicherweise zu einer höheren Ermüdungsresistenz beitragen. Krafttraining mit hohen Lasten kann zudem neuronale Anpassungen fördern, darunter eine erhöhte neuronale Ansteuerung und eine bessere Rekrutierung motorischer Einheiten. Explosives Training kann darüber hinaus die Rate der Kraftentwicklung weiter verbessern.

Exzentrisches Training kann strukturelle Anpassungen fördern und Veränderungen in der Muskelarchitektur bewirken – möglicherweise verbessert es die Kraft und trägt dazu bei, das Verletzungsrisiko zu senken.

Ausdauertraining und Training mit hochintensiven Intervallphasen

Ausdauertraining kann die Funktion der Mitochondrien und die metabolische Effizienz verbessern – dadurch kann sich die Anreicherung von Stoffwechselprodukten möglicherweise verzögern und die Widerstandsfähigkeit gegenüber peripherer Ermüdung steigen. Allerdings erklärt periphere Ermüdung allein nicht zwangsläufig die Rückgänge in der sportartspezifischen Leistung – vor allem nicht in dynamischen, kompetenz- und skill-basierten Sportarten, in denen neuromuskuläre Koordination und aufgabenbezogene motorische Muster eine wichtige Rolle spielen.

Hochintensives Intervalltraining kann zu einer erheblichen Ermüdung führen – erkennbar an erhöhtem Blut-Laktat, hohen kardiovaskulären Anforderungen und schwankenden Wahrnehmungsreaktionen. Wenn das nicht ausreichend gesteuert wird, kann diese Trainingsform eher zu exzessiver Ermüdung führen, statt zu den gewünschten physiologischen Anpassungen.

Neuromodulation und psychologische Strategien

Koffein kann die sportliche Leistungsfähigkeit verbessern, obwohl die Reaktion von Person zu Person unterschiedlich ist und durch genetische sowie gewohnheitsbedingte Faktoren beeinflusst werden kann. Seine Effekte scheinen zentrale Mechanismen zu betreffen, unter anderem mit einer Verringerung von wahrgenommenem Anstrengungsgrad und Schmerz. Die Vorteile könnten daher besonders dann relevant sein, wenn die Leistung durch zentrale oder perzeptive Ermüdung begrenzt ist.

Psychologische Strategien wie Selbstgespräche, Achtsamkeit und mentale Vorstellung (Motor Imagery) haben ebenfalls das Potenzial gezeigt, die Leistung zu verbessern. Ihre Effekte können besonders relevant sein für präzisionsorientierte oder kognitiv anspruchsvolle Aufgaben – im Vergleich zu rein grobmotorischen Aktivitäten. Achtsamkeitsinterventionen können die anhaltende Aufmerksamkeit und die Emotionsregulation verbessern und so möglicherweise die als Ermüdung wahrgenommene Belastung bei längeren Aktivitäten beeinflussen. Allerdings sind die Reaktionen auf diese Strategien individuell und können davon abhängen, welche psychologischen Merkmale vorliegen und in welchem konkreten Kontext sie umgesetzt werden.

Transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS) und transkranielle Magnetstimulation (TMS) können für einige Aspekte der Ausdauerleistung kleine bis moderate Vorteile bringen. Die Effekte bleiben jedoch heterogen und können davon abhängen, welche Stimulationstechnik eingesetzt wird, welche Trainingsform gewählt wird und wie der Trainingsstatus ist. Diese Ansätze sollten daher derzeit als experimentell betrachtet werden, wobei mögliche Wirkmechanismen in der Modulation von zentraler und wahrgenommener Ermüdung liegen könnten. Tabelle 4 liefert weitere Informationen zu den Anwendungsformen von tDCS und TMS.

Von: Xiao et al., J Electromyogr Kinesiol. (2026)

 

Rehabilitationsstrategien und ganzheitliches Management

Schlaf- und zirkadiane Hygiene

Ausreichender Schlaf ist entscheidend für die Erholung. Mechanistisch unterstützen Schlaf und Nickerchen die neuroendokrine Regulation, die kognitive und motorische Leistungsfähigkeit sowie die Wahrnehmung von Anstrengung. Forschung hat zudem gezeigt, dass Tagesschlaf die Sprint-, Sprung- und intermittierende Ausdauerleistung verbessern kann. Die Evidenz deutet außerdem auf einen Dosis-Wirkungs-Zusammenhang zwischen der Dauer des Nickerchens und den Leistungsoutcomes hin. Kurze Nickerchen von etwa 20–30 Minuten können die Wachheit verbessern und die empfundene Müdigkeit senken, während längere Nickerchen von 60–90 Minuten zusätzliche Vorteile für die kognitive Leistungsfähigkeit und die Erholung bieten können. Nickerchen scheinen außerdem besonders wirksam zu sein, wenn sie am frühen Nachmittag eingeplant werden – ungefähr zwischen 13:00 und 16:00. Nickerchen-Strategien dürften daher vor allem in Sportarten relevant sein, die mit erheblicher zentraler und perzeptueller Ermüdung einhergehen.

Ernährung und Flüssigkeitszufuhr

Die Ernährung spielt eine entscheidende Rolle dabei, Ermüdung hinauszuzögern und die Regeneration zu unterstützen. Eine ausreichende Kohlenhydratzufuhr unterstützt die Wiederauffüllung der Glykogenspeicher, während die Proteinzufuhr nach dem Training zur Muskelproteinsynthese und zur Erholung beiträgt. Kreatin-Supplementierung kann die Verfügbarkeit von Phosphokreatin erhöhen und möglicherweise die Fähigkeit verbessern, wiederholte hochintensive Belastungen zu tolerieren—und so die funktionellen Auswirkungen peripherer Ermüdung potenziell reduzieren. Auch eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr ist wichtig, um die physiologische Funktion aufrechtzuerhalten, insbesondere bei länger andauernder oder hochintensiver Belastung und in heißen Umgebungen.

Kaltwasserimmersion

Kaltwasser-Eintauchen wird als gängige Regenerationsmethode eingesetzt. Evidenz legt nahe, dass es den wahrgenommenen Muskelkater reduzieren kann, allerdings sind die Effekte auf die Regeneration von Kraft und Power uneinheitlich. Diese Ergebnisse könnten darauf hindeuten, dass ein Teil des wahrgenommenen Nutzens eher mit analgetischen Effekten und einer verminderten Schmerzempfindung zusammenhängt – statt mit der Wiederherstellung der neuromuskulären Funktion. Daher sollte man trotz der von Athletinnen und Athleten berichteten höheren subjektiven Einsatzbereitschaft nach dem Kaltwasser-Eintauchen die nachfolgende Trainingsbelastung nicht allein anhand des wahrgenommenen Erholungszustands festlegen. Das unterstreicht, wie wichtig es ist, subjektive und objektive Kennzahlen bei der Einschätzung der Einsatzbereitschaft zu kombinieren, da die wahrgenommene Erholung nicht zwangsläufig die Wiederherstellung der körperlichen Leistungsfähigkeit widerspiegelt.

Kompressions- und pneumatische Geräte

Kompressionsbekleidung hat nach erschöpfendem Training – insbesondere in den unteren Extremitäten – kleine, aber dennoch bedeutsame Effekte auf die Erholung der Muskelkraft und -leistung gezeigt. Obwohl diese Ergebnisse auf einen möglichen positiven Effekt hindeuten, wirkt die Verbesserungsstärke eher begrenzt, und die optimalen Eigenschaften der Kleidungsstücke bleiben unklar. Apparate für pneumatische Kompression haben bei der Funktion der Muskulatur nach dem Training nur vernachlässigbare bis kleine Effekte gezeigt und vernachlässigbare bis moderate Reduktionen der als schmerzhaft wahrgenommenen Muskelkater-/Soreness-Wahrnehmung. Ein Teil der Evidenz deutet darauf hin, dass Protokolle mit etwa 20 Minuten Kompression bei 80 mmHg vorteilhafte Effekte haben können, auch wenn die optimalen Parameter weiterhin ungewiss sind. Beide Verfahren können teilweise über zirkulatorische Mechanismen wirken und sollten eher als ergänzende Erholungsstrategien betrachtet werden – nicht als Ersatz für ausreichenden Schlaf, Ernährung und ein gutes Belastungsmanagement. Sie können besonders dann sinnvoll sein, wenn Athletinnen und Athleten aufeinanderfolgende Wettkampfblöcke mit nur begrenzter Erholungszeit haben.

Konzeptioneller Rahmen

Abbildung 1 zeigt das von den Autor:innen vorgeschlagene konzeptionelle Rahmenmodell: Sie fasst die wichtigsten in diesem Artikel behandelten Konzepte zusammen und veranschaulicht die Zusammenhänge zwischen Ermüdungsmechanismen, Beurteilungsstrategien, Belastungssteuerung und Erholungsinterventionen.

Von: Xiao et al., J Electromyogr Kinesiol. (2026)

 

Fragen und Überlegungen

Fatigue lässt sich als Zusammenspiel zwischen externer und interner Belastung verstehen. Eine bestimmte externe Belastung, definiert als die objektiv geleistete körperliche Arbeit, löst physiologische und perzeptive Reaktionen aus, die die interne Belastung bilden. Die externe Belastung lässt sich über Lauf- und Sprintfrequenzen bzw. -distanzen, Beschleunigungen oder die Anzahl der Sprünge quantifizieren. Die interne Belastung kann man hingegen über RPE, Herzfrequenz, HRV und weitere physiologische oder perzeptive Messgrößen überwachen.

Ein angemessen gesteuertes externes Belastungsprofil löst vorübergehende Ermüdung aus, gefolgt von Erholung und Anpassung – und zwar mit zunehmender Steigerung der Fähigkeit des Athleten, die gestellten Anforderungen zu tolerieren. Umgekehrt, wenn die Belastung die aktuelle Kapazität des Athleten übersteigt oder die Erholung nicht ausreicht, kann die interne Reaktion auf eine bestimmte externe Belastung unverhältnismäßig hoch ausfallen. Das kann zu anhaltender Ermüdung und zu einer beeinträchtigten Anpassung führen. Diese veränderte Belastungstoleranz kann zu einer niedrigeren Leistungsfähigkeit beitragen und – zusammen mit anderen Faktoren – die Anfälligkeit für Verletzungen beeinflussen.

Fatigue kann mehrere Dimensionen der sportlichen Leistungsfähigkeit beeinflussen – darunter den psychischen Zustand, die neuromuskuläre Funktion und sportartspezifische Bewegungsstrategien. Wohlbefindens-Fragebögen liefern Kontext zu Stress, Schlaf, Stimmung und der subjektiv wahrgenommenen Regeneration. Gleichzeitig können Messungen wie Sprint-Mechanik, CMJ, MVIC und die Rate der Kraftentwicklung Veränderungen in der neuromuskulären Leistung aufzeigen. Da diese Dimensionen mit einem erhöhten Verletzungsrisiko in Verbindung gebracht wurden, können subjektive und objektive Beurteilungen helfen, relevante Veränderungen im Zustand eines Athleten zu erkennen. Wie in Teil 1 vorgestellt, ist die Aufgabenanalyse besonders relevant, um sportartspezifische Anforderungen besser zu interpretieren und die Verletzungsprävention zu unterstützen. Beispielsweise beinhaltet Fußball wiederholtes hochintensives Sprinten: Sowohl die Sprint-Exposition als auch die Mechanik werden mit Verletzungen der unteren Extremität in Verbindung gebracht. Eine frühere Physiotutors Review hat Zusammenhänge zwischen der Sprint-Mechanik und Verletzungen der Hamstrings hervorgehoben. Da Fatigue Koordination und Bewegungsstrategien verändern kann, sollten Sprintleistung und -mechanik daher über längere Zeiträume beobachtet und anhand individueller Ausgangswerte interpretiert werden.

Insgesamt sollte das Monitoring von Ermüdung nicht darauf abzielen, Verletzungen anhand eines einzelnen Markers vorherzusagen. Die Kombination von externen und internen Belastungswerten mit Leistungs-, neuromuskulären, psychologischen und Erholungs-Messungen kann stattdessen dabei helfen, dass du als Kliniker einschätzen kannst, wie angemessen ein Athlet auf die auferlegten Trainingsanforderungen reagiert – und daraus die weitere Belastungssteuerung ableitest.

 

Talk nerdy to me

Eine der grössten Herausforderungen beim Fatigue-Monitoring ist, dass wir oft ein physiologisches Signal messen und daraus direkt einen zugrunde liegenden Mechanismus ableiten. sEMG ist ein gutes Beispiel: Veränderungen in der Amplitude, der Frequenz oder im Verhalten der Motor-Units zeigen zwar Veränderungen in der elektrischen Muskelaktivität an, erklären aber nicht zwingend deren Ursache. Eine Abnahme der Kraft, begleitet von Veränderungen im sEMG, bedeutet nicht automatisch, dass die kontraktile Leistungsfähigkeit des Muskels beeinträchtigt ist. Myoelektrische und mechanische Messungen liefern ergänzende Informationen, sind aber nicht gleichwertig.

Diese Unterscheidung ist besonders wichtig, wenn man sEMG im Sport einsetzt. Elektrodenplatzierung, Signalverarbeitung, Normalisierung, Cross-talk und die Auswahl der Aufgaben können alle das aufgezeichnete Signal beeinflussen. Ohne standardisierte Aufnahmeverfahren und eine geeignete methodische Schulung können komplexe sEMG-Ausgaben ein falsches Gefühl von Präzision vermitteln. Bevor wir also irgendein Signal interpretieren, sollten wir uns daher fragen: Erfasst diese Messung tatsächlich den Mechanismus, den wir beurteilen wollen?

Das gleiche Prinzip gilt auch für leistungsbasierte Assessments wie Sprinttests. Ein Rückgang der Sprintleistung sollte nicht automatisch als neuromuskuläre Ermüdung interpretiert werden, denn die Sprintleistung wird auch von Motivation, Technik, Aufwärmen, Umgebungsbedingungen, Schuhwerk, Oberfläche, der Beschleunigungsstrategie und der Vertrautheit mit der Aufgabe beeinflusst. Die Testverfahren sollten daher standardisiert werden, und die Ergebnisse sollten über die Zeit hinweg anhand individueller Ausgangswerte bewertet werden – nicht anhand allgemeingültiger Schwellenwerte. Veränderungen in der Sprintmechanik können zusätzliche Hinweise liefern, insbesondere bei Sportarten mit wiederholtem schnellen Laufen, sollten aber immer im Kontext der konkreten Anforderungen der jeweiligen Aufgabe betrachtet werden.

Letztlich hängt der klinische Nutzen einer Fatigue‑Beurteilung nicht nur von ihrer Reliabilität ab, sondern auch von ihrer Konstruktvalidität, ihrer ökologischen Validität und ihrer klinischen Anwendbarkeit. Ein Test kann zuverlässig eine Veränderung der Leistung erkennen, ohne dabei die physiologische Ursache eindeutig zu identifizieren. Die sinnvollste Beurteilung ist daher nicht zwangsläufig diejenige, die die meisten physiologischen Details liefert, sondern diejenige, die bedeutsame Veränderungen zuverlässig detektieren kann, die Anforderungen des jeweiligen Sports des Athleten abbildet und sich im größeren Kontext von Belastung, Erholung und weiteren Fatigue‑Indikatoren interpretieren lässt.

 

Botschaften zum Mitnehmen

  • Zentrale und periphere Ermüdungsmechanismen greifen ineinander und werden durch die Anforderungen der Aufgabe, die Trainingsbelastung, die Erholung sowie durch Umwelt- und psychologische Faktoren beeinflusst.
  • Ordne die Beurteilung dem Athleten und der Aufgabe zu. Laboranalysen liefern mechanistische Erkenntnisse, sind jedoch nur begrenzt im Feld einsetzbar. CMJ, Sprintleistung, MVIC, RPE, Wellness und HRV bieten dagegen eher praktische, indirekte Messgrößen.
  • Verlass dich nicht auf einen einzigen Marker. Wenn du subjektive, leistungsbezogene, neuromuskuläre, Belastungs- und Erholungswerte kombinierst, bekommst du ein deutlich umfassenderes Bild von der Reaktion des Athleten.
  • Nutze individuelle Ausgangswerte und Trends. Änderungen bei Leistung, RPE, HRV oder Wohlbefinden sollten im Abgleich mit der individuellen Variabilität interpretiert werden – statt mit universellen Schwellenwerten.
  • Überlege dir, was die Messung tatsächlich erfasst. Veränderungen in sEMG oder in der Leistung zeigen zwar eine Veränderung an, identifizieren aber nicht zwangsläufig eine aufgabenbezogene sowie zentrale und periphere Ermüdung. Eine Aufgabenanalyse kann helfen, sportartspezifische Tests auszuwählen.
  • Nutze ein Fatigue-Monitoring, um Belastung und Erholung zu steuern. Eine angemessene Belastungssteuerung, Schlaf, Ernährung und individuelle Erholungsstrategien sollten die Grundlage des Fatigue-Managements bilden. Das Monitoring sollte die klinische Entscheidungsfindung unterstützen – nicht darauf abzielen, Verletzungen vorherzusagen.

 

Referenz

Xiao N, Wang M, Zhang G. Neuromuskuläre Ermüdung und zentrale-periphere Interaktionen bei sportlicher Leistungsfähigkeit: Verbindung von Physiologie und Anwendung. J ElektroMyogr Kinesiol. 2026 Okt;90:103193. doi: 10.1016/j.jelekin.2026.103193. Epub 2026 29. Juli. PMID: 42551098.